Gangsta´s Paradise? Schule im Film

Das Schulleben bietet so viel Filmstoff. An manchen Tagen habe ich das Gefühl, ich arbeite in einer Sitcom. Warum bekommen es die Filmemacher dann nicht irgendwie hin, den Alltag in der Schule nicht nur unterhaltsam und emotionsbeladen, sondern auch halbwegs realistisch und dem Leben der Schüler und Lehrer gerecht werdend darzustellen?

Letzte Woche war ich malwieder im Kino, in Die Schüler der Madame Anne, ein französischer Film über eine Lehrerin, die mit ihrer Klasse an einem Wettbewerb zum Thema „französische Résistance“ teilnimmt.

Filme über Schüler und Lehrer folgen irgendwie immer dem gleichen Schema: eine laute, respektlose Klasse in einem sozial schwachen Vorort bekommt eine zunächst überforderte, dann sich als Retterin und Heldin entpuppende Lehrerin, mit deren Hilfe alle wie durch ein Wunder ihren Schulabschluss mit der Bestnote bestehen oder zusätzlich noch einen scheinbar unerreichbaren Wettbewerbssieg davontragen.

Diesem Schema folgte auch Dangerous Minds in den 90ern.  Michelle Pfeiffer als rettende Lehrerin in einer amerikanischen Problemschule war meine Heldin. (Notiz am Rande: wenn ich damals gewusst hätte, dass ich mal selbst Lehrerin werde und dass mein Schulalltag kaum anders aussieht als die Eingangsszenen im Film, wäre ich wahrscheinlich in Ohnmacht gefallen!)

Auch der 2007 veröffentlichte Film Freedom Writers mit Hilary Swank, und der französische Abklatsch Die Schüler der Madame Anne verfolgen das gleiche Konzept. Da dieser Film wirklich hoch gelobt wurde und sogar als mitreißend, bewegend und berauschend bezeichnet wurde, wollte ich ihn unbedingt sehen. Natürlich auch, weil ich neugierig war, ob wenigstens die Franzosen mal ein realistisches Bild des Schullebens darstellen würden.

Leider wurde ich malwieder enttäuscht. Der Umschwung von der auf Krawall gebürsteten Klasse zur handzahmen Gruppe, die sich weinend in den Armen liegt, war hier noch abrupter und noch weniger nachvollziehbar als bei den amerikanischen Vorgängern. Spätestens als die Schüler in ihren Jogginghosen auf dem Flohmarkt eine kitschige Vintage-Brosche als Überraschung für ihre Lehrerin kauften, wollte ich am liebsten rausgehen.

Warum müssen die Lehrer- und Schülerrollen in Filmen immer so klischeebehaftet sein? Der schlaue, aber mit wenig Selbstwertgefühl ausgestattete schwarze Junge, der zu cool zum Lernen ist. Die unerfahrene Aushilfslehrerin, die mit ihren unkonventionellen Methoden bei ihren Kollegen aneckt, für die Schüler aber eine Art Heldin ist.

Ich würde mich freuen, wenn mal jemand einen Schulfilm ohne Happy End dreht. Ohne einen bösen und einen guten Lehrer. Ohne ergreifende Klaviermusik, wenn ein Schüler einen richtigen Beitrag zum Unterricht geleistet hat. Denn um ehrlich zu sein gibt es im Unterrichtsalltag zwar den ein oder anderen Moment, der es Wert wäre, mit emotionaler Musik untermalt zu werden. Doch es gibt auch ganz viele Situationen, zu denen eher die dramatische Orgel vom Phantom der Oper oder der Zonk-Ton passen würden. Ich wage auch zu bezweifeln, dass meine Schüler mir eine Brosche auf dem Flohmarkt kaufen würden. Ich bin ja schon zufrieden, wenn sie ihre Hausaufgaben machen, oder überhaupt erstmal da sind.

Filme wie Bad Teacher oder Fack ju Göhte geben auch wenig Hoffnung, dass unser Beruf in Film und Fernsehen mal angemessen dargestellt wird. Naja, dann arbeiten wir eben weiter in unserer täglichen Reality Show und hoffen darauf, dass mal irgendwann ein Regisseur daherkommt, der nicht so sehr auf Broschen und Klaviermusik steht.

💜Sonja

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8 Gedanken zu “Gangsta´s Paradise? Schule im Film

  1. Es Marinsche kocht schreibt:

    Als ehemalige Altenpflegerin in einer Tagespflege hatte ich damals etliche Projekte am Start. U.a. mehrere Improtheater. Das hat allen einen Riesenspass gemacht. Von der Vorbereitung bis hin zu den Aufführungen und selbst im Nachklang wirkte diese schöne Zeit nach :-)

    Warum nicht mal ein Projekt mit Schülern starten? Filmzubehör lässt sich doch bestimmt von jemandem sponsern, und in Zusammenarbeit mit den Gemeinden lässt sich doch ganz sicher auch der ein oder andere Ort finden, an denen der Film aufgeführt wird….wenn es eine richtig tolle Idee ist und marketingmässig gut vorbereitet wird könnte es sogar ein deutschlandweites Thema werden!?

    Warum auf einen Filmemacher oder Regisseur warten, wenn man selbst es doch viel besser im Griff hat worauf es genau hinauslaufen soll?

    Es gibt nichts gutes ausser man tut es :-D

    Gefällt 1 Person

  2. doris junghuber schreibt:

    Danke für die Review, diesem Film werde ich mir dann wohl ersparen. Und eurem letzten Absatz kann ich nur ganz besonders zustimmen, diese
    beiden Filme fand ich auch abgesehen vom LehrerInnenbild ganz schön schlecht.

    Gefällt 1 Person

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